Besuch aus Marseille

Mila Wopp, Helena Fuchs (17.04.2026)

Heute hatten wir Besuch aus Marseille von einer Organisation und Angehörigen von Zeitzeugen, die uns über die Zeit der Zerstörung des Viertels Saint-Jean aufklärte.

Im Januar 1943 wurde das historische Viertel Saint-Jean am Alten Hafen von Marseille systematisch zerstört. Das Viertel galt als „problematisch“ (arm, vielfältig, politisch schwer kontrollierbar) und wurde deshalb gezielt ausgelöscht.

Die Aktion wurde von den deutschen Besatzern unter Führung von Heinrich Himmler angeordnet. Gleichzeitig arbeiteten französische Behörden des Vichy-Regime aktiv mit. Rund 23.000 Menschen wurden gezwungen, ihre Wohnungen sofort zu verlassen. Die Menschen ahnten zunächst nichts Schlimmes, da es Vertreter der französischen Polizei und nicht die deutschen Besatzer waren, die 6:00 Uhr morgens vor ihren Häusern standen und eine 48-stündige Evakuierung ankündigten und lediglich dazu aufforderten, das Nötigste mitzunehmen. Tatsächlich wurden die Familien jedoch schnell voneinander getrennt – die meisten Frauen und Kinder wurden nach Frejus in ein Lager gebracht, Männer in Arbeitslager, wie beispielsweise Sachsenhausen bei Berlin, verschleppt und die jüdische Bevölkerung in Konzentrationslager im Osten deportiert. Danach sprengte die Wehrmacht Haus für Haus. Es wurden etwa 1.500 Gebäude zerstört. Die Menschen, die zurückkommen durften, fanden nur noch Trümmer, Schutt und Asche vor. Ihre Existenzen waren zerstört

Die Menschen, die am 17. April hier waren, erzählten uns von ihren Erinnerungen und den Erzählungen ihrer Familien. Sie wurden begleitet von Vertretern der Organisation, die sich um die historische und juristische Aufarbeitung der Geschehnisse bemüht, indem sie Berichte von Überlebenden und Angehörigen sammelt und dieses auch in der französischen Gesellschaft weitestgehend vergessene Kapitel der Geschichte durch Bildungsarbeit, Zeitzeugengespräche und Veranstaltungen (auch im Ausland) einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht.